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degrowth (Postwachstum) – Nachhaltigkeit und Solidarität statt Wachstumszwang!

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Ein breites Bündnis mit zahlreichen Konferenzen und Projekten

Mit dem Begriff Wachstumsrücknahme (englisch Degrowth), PostwachstumWachstumswende oder Entwachstum wird die Reduktion eines Konsum- und Produktionswachstums verbunden. Damit soll einem Wirtschaftswachstum begegnet werden, wenn es als sozial, ökologisch, ökonomisch oder politisch schädlich wahrgenommen wird. Vertreter dieses Konzepts sehen darin eine Strategie gegen ein Umwelt und Ressourcen überbelastendes Wachstum.

Historische Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vertreter der Klassischen Nationalökonomie diskutierten die stationäre Ökonomie als unausweichlichen Endpunkt von Wirtschaftswachstum und Entwicklung.[1] Auch John Maynard Keynes sagte eine dauerhafte Wachstumsabschwächung voraus und gab für diesen Fall wirtschaftspolitische Empfehlungen.[2] Als Vordenker der jüngeren Geschichte für die Vertreter der décroissance und die Kritiker des uneconomic growth gelten Nicholas Georgescu-Roegen,[3] Ivan Illich und auch André Gorz.

Die erste umfassende Kritik des Wirtschaftswachstums ist die Studie Die Grenzen des Wachstums, die 1972 als Bericht an den Club of Rome erschien und die weltweit Schlagzeilen machte. Sie zeigt nach Auffassung der Autoren die möglichen Folgen eines unbeschränkten Wachstums für Ökologie und Gesellschaft aufgrund der begrenzten Ressourcen und der Übernutzung der vorhandenen Naturschätze auf. Nach der Überarbeitung von 2004 ergab sich in den meisten errechneten Szenarien der Studie ein wirtschaftlicher Kollaps zwischen 2030 und 2100.[4]

Die Ergebnisse der Studie wurden seither sehr kontrovers diskutiert. Wichtigste Veranstaltung der Wachstumskritik ist die seit 2008 stattfindende Internationale Degrowth-Konferenz.[5][6]

Begründungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wachstum führt zwar ständig zu neuen Innovationen und effizienterer Technologie, jedoch nach Ansicht von Kritikern ebenso zu negativen Entwicklungen wie immer größerer Risikobereitschaft, verstärktem Konkurrenzdruck, fortschreitender Monopolisierung, sinkender Produktqualität, sinkenden Löhnen, zunehmender Verschuldung, Ausbeutung natürlicher und gesellschaftlicher Ressourcen oder zur Erzeugung zweifelhafter neuer Bedürfnisse.[7] Während Güter, die über die Grundbedürfnisse hinausgingen, früher in Maßen konsumiert wurden, müssten sie in alternden Volkswirtschaften in Massen konsumiert werden, um das Wachstum in Gang zu halten.

Mit einem Blick auf die zunehmende Globalisierung wird kritisiert, dass sich die Folgen unbegrenzt wachsender Wirtschaften deutlich verschärft hätten, seit China, Indien, Russland und das Baltikum in die Marktwirtschaft eingetreten sind.[8]

Wachstumskritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verschiedene Wirtschaftswissenschaftler, Philosophen, Politologen, Wissenschaftler anderer Fachbereiche, Schriftsteller, Wirtschaftsjournalisten und Politiker[8] sowie Globalisierungsgegner, Umweltschützer und Freiwirtschaftler äußern Kritik am Wirtschaftswachstum; insbesondere an einem nach ihrer Auffassung exponentiellen Wachstum von Volkswirtschaften.

Systemtheoretisch betrachtet ist rein quantitatives Wachstum (nicht jedoch qualitatives Wachstum) in der Natur physikalisch begrenzt, so dass eine unbegrenzte rein quantitative Steigerung zur Destabilisierung des betroffenen Systems führt. Auf das Wirtschaftswachstum übertragen befürchten die Kritiker daher große Probleme für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Hans Diefenbacher, wissenschaftlicher Referent für Ökonomie an der Forschungsstätte der Ev. Studiengemeinschaft in Heidelberg, stellt zum Beispiel folgende Rechnung auf, um die Unmöglichkeit unbegrenzten Wachstums zu illustrieren: „Ein Wachstum von nur 1 % bedeutet bereits eine Verdoppelung der Wirtschaftsleistung in nur 72 Jahren; ein Wachstum von 4 % (wie es in den 1970er und 80er Jahren vorkam) bewirkt eine Verdoppelung in nur 18 Jahren. Ein regelmäßiges Wachstum in dieser Höhe würde nach sieben Generationen das 1000-fache des Ausgangsbetrages ergeben!“[7]

Vor allem in wirtschaftlichen Krisenzeiten wie z. B. in der Ölkrise der 1970er oder der internationalen Finanzkrise ab 2007 wird ernsthaft diskutiert, ob eine Wirtschaft „ganz ohne Wachstum funktionieren und zugleich Lebensqualität bringen kann“.[8]

In den Wirtschaftswissenschaften wird meist ein enger Zusammenhang zwischen Wachstum, Beschäftigungssicherung und Wohlstand angenommen (siehe z. B. Wirtschaftswachstum als Wunschvorstellung). Dies führt in der öffentlichen Debatte nicht selten zur Skepsis gegenüber jeglicher Wachstumskritik.[7][8] Kay Bourcarde, Leiter des Institutes für Wachstumsstudien, sieht jedoch in den letzten Jahren ein ganz erheblich gestiegenes Interesse an einer generell kritischen Auseinandersetzung mit dem exponentiellen Wirtschaftswachstum.[9]

Während der Wachstumsdiskurs auf der makroökonomischen Ebene seit vielen Jahren geführt wird, gab es bisher wenige Versuche, die Wachstrumsneutralität und -rücknahme konzeptionell auf die Unternehmensebene zu übersetzen.[10]Die mögliche Rolle von Unternehmen, ihrer Geschäftsmodelle, Strategien, Managementstile und ihrer Handlungsoptionen in der Postwachstumsgesellschaft bedarf weiterer Untersuchungen.

Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf gilt allgemein als Indikator für den Wohlstand der Bevölkerung eines Landes.[11] Es weist eine sehr hohe Korrelation mit anderen sozio-ökonomischen Indikatoren wie Lebenserwartung, Säuglingssterblichkeit oder Bildung auf.

Andere weisen aber ausdrücklich darauf hin, dass das Bruttoinlandsprodukt seiner Definition nach nur den Wert der Güter- und Dienstleistungen misst, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums in einem Land hergestellt worden sind und insofern nur sehr eingeschränkt als Wohlfahrtsindikator verwendet werden kann.[12]

Dass sich das Wirtschaftswachstum und seine Messung im Bruttoinlandsprodukt tatsächlich eignet, den Lebensstandard oder gar die Lebensqualität der Bevölkerung eines Landes abzubilden, wird jedoch von Vertretern des Konzepts der Wachstumsrücknahme bezweifelt.

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen veröffentlicht schon seit längerem mit dem Index der menschlichen Entwicklung einen Wohlstandsindikator, der nicht nur materiellen Wohlstand misst.

Kritik an den Wachstumsmodellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wachstumskurven: Exponentielle oder lineare Wirklichkeit?

Bei allen Wachstumstheorien handelt es sich um Modellenicht um Darstellungen der realen Verhältnisse.[13] Die Abweichung zwischen Modellen und Realität wird z. B. mit der Entwicklung des Bruttosozialproduktes der Bundesrepublik belegt, das seit 1950 nicht exponentiell, sondern tatsächlich nur linear gewachsen ist[14] (siehe Grafik „Wachstumskurven Deutschland“). Dies wiederum ist gleichbedeutend mit prozentual gesunkenen Wachstumsraten. Das Absinken der Wachstumsraten ist nach Meinung der Kritiker unter Bezugnahme auf die Unmöglichkeit dauerhaft exponentiellen Wachstums ‘„weder konjunktur- noch politikbedingt, sondern systemimmanent“.[15]

Vor diesem Hintergrund wird in verschiedener Art und Weise gefordert, die Modelle an die realen Bedingungen anzupassen. Die herrschenden ökonomischen Theorien dürften nicht zu einem „Wachstumszwang“ führen. Der Mathematiker Jürgen Grahl weist darauf hin, dass exponentielles Wachstum in der Natur zum Beispiel beim Wachstum von Bakterienkulturen oder bei Tumoren, sprich, bei primitiven bzw. krankhaften Prozessen beobachtet wird, die schließlich an ihrer eigenen Dynamik scheitern. Daher warnt er davor, in Wirtschaftsmodellen mit exponentiellem Wachstum zu operieren.[16] Der Schweizer Ökonom Hans Christoph Binswanger fordert eine umfassende Modernisierung des „neoklassischen Gleichgewichts-Modelles“, das als Grundlage der modernen Wirtschaftswissenschaften immer noch auf einer traditionellen Bauernwirtschaft des 19. Jahrhunderts basiere.[17] Wenige – insbesondere die Anhänger der Freiwirtschaftslehre – treten für radikal andere Wirtschaftsmodelle ohne Wachstum ein.

Wie es der US-Ökonom Paul Romer ausdrückt: „Die Basis für gesundes Wachstum sind bessere Rezepte und nicht immer größere Mengen derselben Zutaten.“[8] Die „system-strukturellen“ Lösungsansätze kann man folgendermaßen zusammenfassen:

  • vom quantitativen zum qualitativen Wachstum (z. B. hochwertigere, langlebigere, umweltfreundlichere Produkte)
  • vom quantitativen zum selektiven Wachstum (einige Bereiche wachsen, andere stagnieren oder schrumpfen)
  • Nachhaltigkeit als neues Leitbild der Wirtschaftspolitik[13]

Kopplung von Wachstums- und Zinsrate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beispiel für exponentielles Zinswachstum

Die Ökonomie postuliert im langfristigen Trend eine ebenfalls gleichbleibende Zinsrate, die etwas unter der Wachstumsrate liegen soll und an diese gekoppelt ist. Von 1950 bis 1980 folgte die tatsächliche Entwicklung dieser Prognose. Seit 1980 jedoch blieb die Zinsrate trotz real sinkender Wachstumsrate etwa konstant und ist seither höher (inverses Zins-Wachstumsratendifferential nach Stefan Schulmeister[18]). Dies ist nach Auffassung wachstumskritischer Ökonomen eine systemimmanente Folge des exponentiellen Wachstums, die auf der anderen Seite allerdings zu exponentiell wachsenden Geldvermögen und Zinsströmen führe. Wenn die Zinsraten höher als die Wachstumsrate sind, sei es rentabler, mit Geld zu spekulieren statt damit real zu investieren, so dass diese Gelder dem realen Geldkreislauf entzogen würden.[15] In diesem Zusammenhang wird gern auf den Nutzen einer Tobin-Steuerverwiesen.

Zinseszins und Wachstumszwang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Zinseszinseffekt führt laut einigen Wachstumskritikern zwangsläufig und systemimmanent zu einem exponentiellen Wachstum der Schulden auf der einen Seite und der verzinslichen Guthaben auf der anderen Seite.[19][20][21] Diese Argumentation fußt letztlich auf dem simplen Gedankenexperimentes des „Josephspfennigs“ als „dem“ Beispiel für einen unmöglichen exponentiellen Verlaufs des Wirtschaftswachstums (siehe Grafik). Allein dadurch stünde die Wirtschaft unter permanentem Wachstumszwang, denn aus der erwirtschafteten Leistung müsse die Zinslast gezahlt werden können.[22] Hans Christoph und Mathias Binswanger argumentieren, der „Geldschwund, der sich aus den Zinszahlungen an die Bank ergibt, ist wesentlich verantwortlich für den Wachstumszwang“.[23][24][25]

Andere Autoren widersprechen diesen Argumenten auf der Basis von postkeynesianischen Modellen einer monetären Ökonomie.[26][27] Für die Frage, ob eine stationäre Wirtschaft stabil ist, sei letztlich die Sparquote, nicht der Zins entscheidend. Ob ein stationärer Zustand erreicht werden könne, läge an Sparentscheidungen deren, die Einkommen beziehen oder Vermögen besitzen.[28][29] Auch sei Binswangers Annahme nicht begründet, dass die Banken trotz einer nicht mehr wachsenden Wirtschaft stets ihre Profite thesaurieren.[28] Daher bestünde kein „inhärenter“ Wachstumszwang, sondern allenfalls sei Nullwachstum nicht möglich, wenn sich Akteure entscheiden, beständig Geldvermögen zu akkumulieren.[28]

Frankreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Frankreich wird Wachstumsrücknahme unter dem dort populären Kunstwort „décroissance“ diskutiert.[30] Daraus hat sich eine konsumkritische Bewegung entwickelt, für die in den deutschsprachigen Ländern keine Entsprechung existiert. Als einer der französischen Vertreter dieses Konzepts gilt Serge Latouche.[31] Über Wachstumsrücknahme wird in Frankreich breit debattiert, bis hin zum damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy.[32] Die französische Décroissance-Bewegung ist vergleichsweise radikal und lehnt nicht nur den „Wachstumszwang“, sondern auch einen Green New Deal ab.[33]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland führen ehemalige Politiker und Spitzenmanager wie Kurt Biedenkopf[34]Klaus Wiegandt oder Michael Otto[35] die Anfänge einer wachstumskritischen Debatte.[36] Verhaltene Wachstumskritik von Bundespräsident Horst Köhler[37] fand bei den Parteien kaum Widerhall.

Wissenschaftlich werden wachstumskritische Konzepte unter anderem von Wirtschaftswissenschaftlern wie Niko Paech (Postwachstumsökonomik bzw. Postwachstumsökonomie),[38] Gerhard Scherhorn,[39] Adelheid Biesecker,[40] Sabine Hofmeister, Uwe Schneidewind und dem Schweizer Hans Christoph Binswanger thematisiert. Sie orientieren sich an der Strategie der Suffizienz und dem partiellen Rückbau industrieller, insbesondere global arbeitsteiliger Wertschöpfungsprozesse zugunsten einer Stärkung lokaler und regionaler Selbstversorgungsmuster. Enthalten sind zudem Ansätze einer Geld- und Bodenreform.

Die Vereinigung für Ökologische Ökonomie hat sich seit ihrer Jahrestagung 2010 mit dem Thema „Wirtschaft ohne Wachstum“[41] als erste wachstumskritische Wissenschaftsvereinigung etabliert. In ihrem Leitbild vertritt sie einen wissenschaftlich basierten Ansatz zur Ablösung der ökonomischen Wachstumspolitik durch die Postwachstumsökonomie.[42] Im Mai 2011 koordinierte attac in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Heinrich-Böll-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Otto-Brenner-Stiftung in Berlin eine Tagung unter dem Titel „Jenseits des Wachstums?!“.[43] Die Zeitschrift Oya berichtete 2012 von einem ersten Vernetzungstreffen junger Initiativen.[44]

Seit der Finanzkrise ab 2007 werden in Politik und Forschung sinkende Reallöhne, Wachstumszusammenbrüche in der Wirtschaft, Shrinking Cities festgestellt und zumeist beklagt. Der Soziologe Ulrich Beck spricht von einer kommenden „Gesellschaft des Weniger“. Der Imperativ bei diesem neuen Ansatz lautet, Schrumpfung zu akzeptieren und zu gestalten. Hier zeichnet sich ein Paradigmenwechsel sowohl bei der Wahrnehmung als auch in der Diskussion ab.[45]

Eine Wachstumsgrenze, die menschlichem Maß entspricht, wird auch in einer Analogie zwischen den Grenzen des Wachstums der Ökonomie und dem Ende des körperlichen Wachstums des einzelnen Menschen sowie dem Reifen im Erwachsenenalter gesehen. So spricht z. B. Meinhard Miegel bezüglich der herrschenden Produktions- und Lebensweisen industrialisierter Gesellschaften davon, dass der Organismus, der während vieler Jahre beständig wuchs, nunmehr diese Phase hinter sich gelassen hat und in die Phase der Reifung eingetreten ist.[46] Diese Analogie zwischen begrenzten individuellen und gesellschaftlichen Entwicklungen kommt in ihrer Doppeldeutigkeit im Sinne von beendetem Wachstum und erwachsen geworden sein im Begriff „ausgewachsen“ zum Ausdruck und wird von Wachstumskritikern aufgegriffen. So wird „ausgewachsen“ als Titel z. B. bei attac auf das Ende des unbegrenzten Wachstums des endlichen Planeten bezogen[47] und von Mark Schieritz in einem Zeit-Artikel auf die Warnung des amerikanischen Ökonomen Lawrence Summers vor einer lang anhaltenden Flaute der Industrieländer.[48]

Da degrowth auch ausgewachsen und damit synonym erwachsen geworden sein bedeutet, wird mit Bezugnahme auf den angelsächsischen Begriff für Erwachsensein, adult, eine Verbindung zum Zentralbegriff der Aufklärung, nämlich dem Mündigwerden, ins Spiel gebracht. Mündigkeit gilt in der Aufklärung nicht nur für den Einzelnen, sondern allgemein, insofern sie den Prozess des Erwachsenwerdens von der Unmündigkeit zur Mündigkeit auf die ganze Menschheitsgeschichte projiziert. Auch wenn das „neuzeitliche“ Verständnis von Geschichte als permanentem Fortschritt zu Recht von allen Seiten angezweifelt wird, bleibt Mündigkeit/Erwachsenwerden für Demokraten nach wie vor orientierend und herausfordernd. Deshalb und insofern Epochenbezeichnungen immer auch eine Konstruktion in narrativer Struktur und eine Frage der Perspektivierung sind,[49][50] wird der Terminus „Adultum“ von Josef Senft als Bezeichnung (im Sinne eines kritischen Narrativs) für die Zeit nach der in die Krise geratenen Moderne[51] vorgeschlagen.[52] Allein schon wegen der Übersetzung des Wortes „ausgewachsen“ ins Lateinische, sollte nach Meinung von Ute Scheub „die Postwachstums-Epoche Adultum genannt werden“.[53] Der so in der Tradition der Aufklärung stehende Epochenbegriff „Adultum“ könnte in Analogie zum individuellen Erwachsenwerden quasi als politisches Narrativ der Mündigkeit (und in Abgrenzung zu deterministischen und biologistischen Stufentheorien) nicht nur auf das Ende des quantitativen Wachstums und Fortschrittsglaubens Bezug nehmen, sondern auch die globalen ökologischen und ökonomischen Krisen der Gegenwart in den Blick nehmen, für die es notgedrungen Verantwortung (das wesentliche Kennzeichen Erwachsener) zu übernehmen gilt.

Großbritannien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der britische Ökonom Tim Jackson, ehemaliger Leiter des Beirats für nachhaltige Entwicklung der britischen Regierung, vertritt in seinem Buch „Wohlstand ohne Wachstum“ [Originaltitel: Prosperity without Growth] die These, für die hoch entwickelten Wirtschaften der westlichen Welt sei Wohlstand ohne Wachstum kein utopischer Traum mehr, sondern eine Notwendigkeit. Er bezweifelt die Möglichkeit, den Primärenergieverbrauch von der Wirtschaftsleistung zu entkoppeln, und empfiehlt einen neuen Wohlstandsbegriff und eine Umverteilung der Arbeit.[54]

USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotz der Bezeichnung „uneconomic growth“ wird in den USA unter „unwirtschaftlichem Wachstum“ ein Wachstum verstanden, dessen Schädlichkeit über die reine Unwirtschaftlichkeit hinausgeht. Der früher für die Weltbank arbeitende Wirtschaftswissenschaftler Herman Daly definierte diese Art des Wachstums als Zunahme des Wachstums auf Kosten der Ressourcen und der Lebensqualität.[55][56] Im Gegensatz zu einer Rücknahme des Wachstums setzt Daly auf qualitatives Wachstum. Die amerikanische Ökonomin und Soziologin Juliet Schor plädiert ebenso für die Notwendigkeit eines wachstumsunabhängigen Wirtschaftens. Sie entwickelte mit ihrem Konzept Plenitude ein alternatives Wohlstandsmodell, das auf den vier Prinzipien Arbeitszeitreduzierung, Selbstversorgung, achtsamer Konsum und intensivere soziale Beziehungen basiert.[57]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Julia André: Ausweg Wachstum? Arbeit, Technik und Nachhaltigkeit in einer begrenzten Welt. 2007, ISBN 978-3-531-15300-1 (Webdokument bei der Körber-Stiftung)
  • Torben Anschau, Kay Bourcarde, Karsten Herzmann, Viola Hübner: Normalfall Wachstum? Warum die Wachstumsraten sinken. In: Deutscher Studienpreis (Hrsg.): Ausweg Wachstum? Arbeit, Technik und Nachhaltigkeit in einer begrenzten Welt. VS, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-531-15300-1.
  • Hans Christoph BinswangerDie Wachstumsspirale. Geld, Energie und Imagination in der Dynamik des Marktprozesses. Metropolis, Marburg 2006, ISBN 3-89518-554-X.
  • Herman E. DalyBeyond Growth – The Economics of Sustainable Development. 1997, ISBN 0-8070-4709-0.
  • Christian von DitfurthWachstumswahn. Wie wir uns selbst vernichten. Lamuv, Göttingen 1995, ISBN 3-88977-418-0.
  • Georg ErberHarald HagemannWachstum, Strukturwandel und Beschäftigung. In: H. Bester, B. Felderer, H. J. Ramser, K. W. Rothschild (Hrsg.): Neue Entwicklungen in den Wirtschaftswissenschaften. (= Studies in Contemporary Economics.). Physica-Verlag, 2002, S. 277–319.
  • G. R. Funkhouser, Robert R. Rothberg: Das Dogma vom Wachstum. 2000, ISBN 3-409-19115-1.
  • André GorzAuswege aus dem Kapitalismus: Beiträge zur politischen Ökologie. Rotpunktverlag, Zürich 2009, ISBN 978-3-85869-391-4.
  • Elhanan HelpmanThe Mystery of Economic Growth. 2004, ISBN 0-674-01572-X.
  • Institut für Wachstumsstudien (Hrsg.): Zeitschrift für Wachstumsstudien. Gießen, ISSN 1863-947X.
  • Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. 2. Auflage. oekom verlag, München 2013, ISBN 978-3-86581-414-2 (Leseprobe [PDF] englisch: Prosperity without Growth – economics for a finite planet. Übersetzt von Eva Leipprand).
  • Athanasios Karathanassis: Kapitalistische Naturverhältnisse. Ursachen von Naturzerstörungen – Begründungen einer Postwachstumsökonomie. 2015, ISBN 978-3-89965-623-7.
  • Ausweg Wachstum? Arbeit, Technik und Nachhaltigkeit in einer begrenzten Welt. Körber-Stiftung, verschiedene Veröffentlichungen des Studienpreises 2005, ISBN 3-531-15300-5.
  • Mats Larsson: The Limits of Business Development and Economic Growth: Why Business Will Need to Invest Less in the Future. 2004, ISBN 1-4039-4239-0. (Thema: Wie sich Unternehmen auf ein sinkendes oder sich qualitativ veränderndes Wirtschaftswachstum einstellen können)
  • Serge LatoucheLe pari de la décroissance. Éditions Fayard, Paris 2006.
  • Nicola Liebert, Bernward Janzing u. a.: Die Grenzen des Wachstums. In: taz. 28. Dezember 2011 bis 5. Januar 2012 (Überblick über die wichtigsten Wachstumskritiker verschiedener politischer Lager)
  • Fred Luks: Die Zukunft des Wachstums. Theoriegeschichte, Nachhaltigkeit und die Perspektiven einer neuen Wirtschaft. 2001, ISBN 3-89518-348-2.
  • Norbert Nicoll: Hat die Zukunft eine Wirtschaft? Das Ende des Wachstums und die kommenden Krisen. Unrast-Verlag, Münster 2011, ISBN 978-3-89771-512-7.
  • Norbert Nicoll: Adieu, Wachstum! Das Ende einer Erfolgsgeschichte. Tectum-Verlag, Marburg 2016, ISBN 978-3-8288-3736-2.
  • Niko PaechNachhaltiges Wirtschaften jenseits von Innovationsorientierung und Wachstum. Eine unternehmensbezogene Transformationstheorie. Metropolis-Verlag, Marburg 2005, ISBN 3-89518-523-X.
  • Friedrich Schmidt-BleekNutzen wir die Erde richtig? Von der Notwendigkeit einer neuen industriellen Revolution. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-596-17275-7.
  • Juliet SchorWahrer Wohlstand. Mit weniger Arbeit besser leben. oekom verlag, München 2016, ISBN 978-3-86581-777-8 (Leseprobe [PDF] englisch: Plenitude.The new economics of true wealth. Übersetzt von Karsten Petersen).
  • Irmi Seidl, Angelika Zahrnt (Hrsg.): Postwachstumsgesellschaft – Konzepte für die Zukunft. Metropolis, Marburg 2010, ISBN 978-3-89518-811-4.
  • Bernd SenfDie blinden Flecken der Ökonomie: Wirtschaftstheorien in der Krise. Gauke Verlag, ISBN 978-3-87998-452-7.
  • Josef Senft»Ausgewachsen« – die Wachstumsgrenze erreicht und das Erwachsenen(zeit)alter vor sich? 2014. buergergesellschaft.de (PDF)
  • Wolfgang UchatiusKapitalismus: Wir könnten auch anders. In: Die Zeit, Nr. 22/2009.
  • Boris Woynowski u. a.: Wirtschaft ohne Wachstum?! Notwendigkeit und Ansätze einer Wachstumswende. 2012, ISSN 1431-8261Kostenloser Download (Einführung in die Debatte um Wachstumsrücknahme und Alternativen zum Wachstumsparadigma)
  • Karl Georg ZinnDie Wirtschaftskrise. Wachstum oder Stagnation. BI-Taschenbuchverlag, Mannheim 1994, ISBN 3-411-10451-1.
  • Klaus Backhaus, Holger Bonus (Hrsg.): Die Beschleunigungsfalle oder der Triumph der Schildkröte. Schäffer-Poeschel-Verlag, Stuttgart 1994, ISBN 3-7910-0877-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Degrowth – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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Achim Rhein – 8. Januar 2018 – Keine Kommentare
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